Mittwoch, 19. Juni 2019

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Freiberufler oder Gewerbetreibender - der feine Unterschied

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Freiberufler oder Gewerbetreibender – die Abgrenzung kann schwierig sein.

Artikel erstellt von:  Ralf Niewald
Datum: 28.04.2014

Für einen Selbständigen stellt sich häufig die Frage, ob er Gewerbetreibender oder Freiberufler ist. Diese Einordnung hat weitreichende steuer- und gewerberechtliche Konsequenzen, fällt aber außerhalb der „klassischen“ freien Berufe nicht unbedingt leicht. Hier finden Sie eine Antwort auf die Frage, warum sich der Status Freiberufler lohnt und ob auch Sie die Voraussetzungen erfüllen.

Hochprofessionell: Der Freiberufler

Freie Berufe werden die Tätigkeiten genannt, die nicht der Gewerbeordnung unterliegen. Dazu gehören selbständig ausgeübte wissenschaftliche, künstlerische und unterrichtende Tätigkeiten ebenso wie beispielsweise die selbständige Berufstätigkeit von Ärzten, Steuerberatern, Rechtsanwälten oder Architekten. Der Gesetzgeber hat als allgemeines Kriterium formuliert, dass Freie Berufe die Erbringung von Dienstleistungen höherer Art im Interesse der Auftraggeber und der Allgemeinheit zum Inhalt haben müssen. Diese Dienstleistungen sollen außerdem nicht gerade auf jedem Wochenendseminar erlernbar sein, sondern auf der Grundlage besonderer beruflicher Qualifikation oder schöpferischer Begabung sowie persönlich, eigenverantwortlich und fachlich unabhängig erbracht werden.

Der große Vorteil der Freiberufler besteht darin, dass sie kein Gewerbe anmelden müssen und nicht gewerbesteuerpflichtig sind. Außerdem müssen Freiberufler keine Bilanz, sondern lediglich eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung erstellen. Das bedeutet: Im Gegensatz zur aufwändigen Bilanzerstellung müssen sie nur Betriebseinnahmen und Betriebsausgaben gegenüberstellen und die Differenz bilden (=Gewinn oder Verlust). In der Folge spart der Freiberufler viel Zeit und Geld. Bei Gewerbetreibenden dagegen gilt: Wenn sie die Gewinngrenze von 50.000 Euro im Jahr übersteigen oder im Jahr einen Nettoumsatz von über 500.000 Euro machen, sind sie zur Bilanzierung verpflichtet.

Gewerbesteuerpflichtig: Der Gewerbetreibende

Gewerbetreibender ist jeder, der in einem Gewerbebetrieb ein Gewerbe ausübt. Ein Gewerbe ist jede legale, selbständige Tätigkeit, die planmäßig, mindestens für eine gewisse Dauer und zum Zwecke der Gewinnerzielung ausgeübt wird  - und kein freier Beruf ist. Außerdem muss die Tätigkeit nach außen gerichtet sein, der Gewerbetreibende muss also für Dritte offen erkennbar in Erscheinung treten. Typische Beispiele sind Gaststätten und produzierende Betriebe.

Gewerbetreibende müssen zusätzlich zur Einkommensteuer Gewerbesteuer entrichten, mit der sich die Gemeinden finanzieren. Diese Belastung wird zwar durch höhere Freibeträge und die Anrechnung bei der Einkommensteuer gemildert, aber keineswegs vollständig aufgefangen. Weitere Nachteile: Sie sind unter Umständen zur Erstellung einer Bilanz verpflichtet (siehe oben) und werden unter Umständen Zwangsmitglied bei der IHK oder bei der Berufsgenossenschaft.

Probleme bei der Abgrenzung am Beispiel des Programmierers

Der Status des Freiberuflers führt somit nicht nur zu einfacheren Erfüllung der steuerlichen Pflichten, sondern ist sogar günstiger. Es ist daher verständlich, wenn Steuerpflichtige versuchen, als Freiberufler behandelt zu werden.

Weil die Liste der sogenannten Katalogberufe im Gesetz nicht abschließend ist, sondern auf „ähnliche Berufe“ verwiesen wird, ergeben sich aber häufiger Abgrenzungsschwierigkeiten. Ist beispielsweise ein Programmierer noch Freiberufler oder schon Gewerbetreibender? Die Berufsausbildung ist als solche kein sicheres Merkmal, da gerade kein Hochschulstudium für die Zugehörigkeit zu einem freien Beruf vorausgesetzt wird, sondern nur eine hohe fachliche Kompetenz durch eine Ausbildung wissenschaftlicher Art. Dazu zählen aber auch entsprechende Kenntnisse aus der beruflichen Tätigkeit oder dem Selbststudium. Weist die Tätigkeit Elemente der freien als auch der gewerblichen Berufe auf, soll es darauf ankommen, ob die geistige schöpferische Arbeit im Vordergrund steht. Dies spricht dann für eine freiberufliche Tätigkeit.

Bei einem Programmierer wird aus diesem Grund nicht zwingend auf die berufliche Laufbahn abgestellt, sondern auf die Software, die entwickelt wird. Es darf sich nicht um Trivialsoftware handeln, also nicht um Software, die für einen breiten Kundenkreis entwickelt wird. Maßgeblich für die Abgrenzung soll nach einer Entscheidung des Bundesfinanzhofs (XI R 9/03) sein, ob zur Programmierung der Software eine klassische ingenieurmäßige Vorgehensweise angewendet wurde, die regelmäßig die Planung, Konstruktion und Überwachung beinhaltet.

Im Klartext: Der studierte Softwareentwickler, der für Dritte individuelle Software plant und erstellt sowie das zugehörige Projekt überwacht, ist eindeutig als Freiberufler anzusehen. Entwickelt ein gelernter Programmierer dagegen ohne eigene Planungsleistung Software oder Softwarebausteine für ein frei auf dem Markt erhältliches Produkt, ist er eindeutig als Gewerbetreibender einzustufen.

Gleichzeitig freiberuflich und gewerblich

Es ist sogar möglich, dass der Steuerpflichtige gleichzeitig sowohl freiberuflich als auch gewerblich tätig ist. Dann kann das Finanzamt eine getrennte steuerliche Beurteilung vornehmen, wenn zwischen den Tätigkeiten kein sachlicher und wirtschaftlicher Zusammenhang besteht. Ansonsten ist von einer gemischten Tätigkeit auszugehen, die in der Regel zu einer gewerblichen Einordnung der gesamten Tätigkeit führt.

Praxis-Tipp: Nehmen Sie frühzeitig Kontakt mit den Finanzbehörden auf und klären Sie die Zuordnung zur richtigen Einkunftsart. Sollte sich erst im Nachhinein ergeben, dass eine gewerbliche Tätigkeit vorliegt, kann dies sehr teuer werden.