Mittwoch, 16. Oktober 2019

Werbungskosten

Werbungskosten: Muss der Zweitwohnsitz am Arbeitsort liegen?

Autobahn bei Frankfurt

Über die Autobahn geht es oft richtig schnell zur Arbeitsstätte

Artikel erstellt von:  Andreas Reichert
Datum: 18.11.2013

Wer einen Job annimmt, der fernab der Familie ausgeübt wird, muss sich entscheiden: Pendeln oder Zweitwohnsitz. In beiden Fällen können die Kosten als Werbungskosten abgezogen werden. Der Zweitwohnsitz sollte sich aber in der Nähe des Arbeitsortes befinden. Andernfalls braucht man eine gute Begründung, um den steuerlichen Abzug doch noch zu erreichen.

Stellen Sie sich vor, Sie finden eine Ausschreibung für eine Arbeitsstelle, die wie auf Sie zugeschnitten ist und sich perfekt in Ihren Lebenslauf einfügt. Einziger Haken: die Arbeitsstätte liegt 200 km entfernt vom Ort der Wohnung, an dem auch Ihr Ehepartner arbeitet und Sie sich mit ihren beiden Kleinkindern erst kürzlich ein gemütliches Heim aufgebaut haben. Würden Sie bei einem entsprechenden Jobangebot nicht trotzdem zuschlagen? Und nun? Eine für alle Seiten faire Lösung wäre, wenn Sie sich eine Zweitwohnung am Arbeitsort nehmen würden.

Die gute Nachricht: Die Aufwendungen der Zweitwohnung können Sie steuerlich geltend machen. Voraussetzung ist, dass Sie am Familienwohnort einen eigenen Hausstand unterhalten und dass dort Ihr Lebensmittelpunkt ist. Die Zweitwohnung muss am Ort Ihrer regelmäßigen Arbeitsstätte belegen und beruflich veranlasst sein.

Beruflich veranlasst? Privat veranlasst? Oder beides?

Im Fall, den das Finanzgericht Münster am 27.06.2013 zu entscheiden hatte (Aktenzeichen 3 K 4315/12), lagen die Voraussetzungen für eine doppelte Haushaltsführung allerdings nicht so ganz klar auf der Hand. Dort hatte ein Universitätsprofessor sich für eine Wohnung als Zweitwohnsitz entschieden, die weder am Ort der Familie noch am Ort der Universität lag. Grund: An der örtlichen Bibliothek hatte er Zugang zu für seinen Beruf erforderlicher und umfangreicher Fachliteratur, auf die er von nirgendwo anders derart schnell zugreifen konnte. Die Wohnung lag von der Universität ganze 83 km entfernt, war allerdings über die Autobahn in 50 Minuten zu erreichen. Das Finanzamt störte sich daran, dass die Familienwohnung nur 47 km entfernt lag. Es schloss daraus, dass die Wahl des Ortes nicht ausschließlich beruflich, sondern auch privat veranlasst sei und lehnte die Anerkennung als Zweitwohnsitz ab.

Besondere Umstände bedürfen einer besonderen Behandlung

Das Finanzgericht Münster aber schlug sich auf die Seite des Professors und erkannte die Wohnung als Zweitwohnung an. Es legte das Erfordernis des Wohnens am Beschäftigungsort nicht so eng aus und ließ es genügen, dass die Wohnung in der Umgebung im Einzugsgebiet des Arbeitsortes lag. Mit Rücksicht auf die BFH-Rechtsprechung vom 19.4.2012 (VI R 59/11) sei maßgeblich, dass der Professor trotz der größeren Entfernung den Arbeitsplatz in weniger als einer Stunde Fahrzeit erreichen kann. Im konkreten Einzelfall spreche insbesondere auch das für den Professor ausschlaggebende, unvergleichliche Fachliteraturangebot für den gewählten Wohnort. Unerheblich sei, dass die Familienwohnung von dort aus ebenfalls günstig erreichbar sei, da dieser Aspekt nur einen positiven Nebeneffekt für den Professor darstelle, die berufliche Veranlassung aber nicht überlagere.

Tipp: Wenn Sie einen Zweitwohnsitz begründen, achten Sie bei der Wahl des Ortes darauf, dass die Wohnung nahe zur täglichen Arbeitsstätte gelegen ist. Andernfalls sollte ein sonstiger gewichtiger Anhaltspunkt dafür gegeben sein, dass der gewählte Ort eine besondere Relevanz für die Ausübung ihrer Tätigkeit hat. Wichtig ist dann aber immer noch, dass die tägliche Arbeitsstätte in einer zumutbaren Zeit erreicht werden kann.