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Donnerstag, 18. Oktober 2018

Werbungskosten

Schreibtisch in der Praxis: Ist trotzdem ein Arbeitszimmer zu Hause abziehbar?

Arztpraxis Empfang Checkin

Ein Schreibtisch in der Praxis reicht dem Selbständigen nicht unbedingt für seine Arbeiten aus.

Artikel erstellt von:  Andreas Reichert
Datum: 01.06.2017

Steht in den Praxisräumen eines Selbstständigen ein Schreibtisch mit Computer und Aktenschränken, könnte man eigentlich davon ausgehen, dass er daran alle erforderlichen Arbeiten erledigen kann und ein häusliches Arbeitszimmer nicht gebraucht wird. Doch ganz so einfach ist es leider nicht – oder auch zum Glück. Denn ausnahmsweise darf der Selbstständige trotzdem ein Arbeitszimmer in den eigenen vier Wänden steuerlich geltend machen – wie der Logopäde in diesem aktuellen Fall.

Arbeitszimmerkosten sind nur in Ausnahmefällen abziehbar

Grundsätzlich dürfen die Kosten eines häuslichen Arbeitszimmers gar nicht steuerlich abgesetzt werden – es sei denn, es liegt einer der zwei Ausnahmefälle vor:

  • 1. Das Arbeitszimmer ist der Mittelpunkt der gesamten beruflichen und betrieblichen Tätigkeit.
  • 2. Für die betriebliche oder berufliche Tätigkeit steht kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung.
Der Fall: Die Schreibtischarbeitsplätze konnten nicht für alle Arbeiten genutzt werden

Der Kläger ist selbstständiger Logopäde und in Praxisräumen an zwei Standorten mit vier Angestellten tätig. Die Räume waren mit Tischen, Computern und teilweise mit Aktenschränken ausgestattet. Tische und Schränke enthielten Patientenunterlagen für die laufenden Behandlungen und dienten ausschließlich Behandlungs- und Therapiezwecken.

Die Verwaltungsarbeiten rund um die Praxis erledigte der Kläger in seinem häuslichen Arbeitszimmer. Denn während der laufenden Behandlungen und wegen der zeitgebundenen, taggenauen Patientenabrechnung nutzten nur seine Angestellten die vorhandenen Arbeitsplätze in der Praxis, sodass der Kläger selbst daran nicht arbeiten konnte. Seiner Ansicht nach war es ihm nicht zumutbar, die erforderlichen Büroarbeiten nach Dienstschluss durchzuführen. Auch wollte er vermeiden, dass seine Angestellten Zugriff auf vertrauliche Daten haben.

Diesen Argumenten folgte das Finanzamt nicht. Es ging davon aus, dass dem Kläger in der Praxis ein „anderer Arbeitsplatz“ zur Verfügung stand und strich deshalb die geltend gemachten Kosten des häuslichen Arbeitszimmers.

BFH: Auf die Zumutbarkeit kommt es an

Das Finanzgericht und auch der Bundesfinanzhof folgten dagegen der Argumentation des Klägers. Die obersten Steuerrichter argumentierten, dass schließlich nicht jeder Schreibtischarbeitsplatz eines Selbstständigen in seinen Betriebsräumen automatisch ein „anderer Arbeitsplatz“ sei. Daraus folge: Auch ein Selbstständiger kann auf ein zusätzliches Arbeitszimmer in der eigenen Wohnung angewiesen sein. Das gelte zum Beispiel, wenn wegen der räumlichen Gegebenheiten der Schreibtischarbeitsplatz, der sich in der Praxis befindet, für konkrete betriebliche Tätigkeiten nicht zumutbar genutzt werden kann.

Im vorliegenden Fall musste der Kläger im häuslichen Arbeitszimmer Lohnabrechnungen für vier Angestellte erledigen und die Einnahmen aus der Praxistätigkeit verbuchen. Aufgrund des hohen Verwaltungs- und Zeitaufwands konnte er dies nicht in den Praxisräumen tun. Denn diese standen ihm für Bürotätigkeiten nur außerhalb der Öffnungszeiten, also abends und am Wochenende zur Verfügung.

Wegen der Größe der Räume und des offenen Praxiskonzepts war es dem Kläger nicht zumutbar, einen weiteren Arbeitsplatz oder gar einen ganzen Raum einzurichten, der ausschließlich für Büro- und Verwaltungstätigkeiten genutzt wird. Dies wäre zu Lasten von Behandlungsmöglichkeiten gegangen und hätte zu geringeren Einnahmen geführt.

Deshalb entschied der Bundesfinanzhof zugunsten des Klägers, dass er seine Aufwendungen für das häusliche Arbeitszimmer steuerlich als Betriebsausgaben geltend machen darf (Bundesfinanzhof, Urteil vom 22.2.2017, III R 9/16).

Fazit

Das Urteil ist alles andere als ein Freibrief für Selbstständige mit häuslichem Arbeitszimmer und deshalb mit Vorsicht zu genießen. Denn der Bundesfinanzhof stellte klar, dass ein Selbstständiger – im Gegensatz zu einem angestellten Arbeitnehmer – selbst über die Einrichtung seiner Betriebsräume und deren Nutzung bestimmen kann. Ist es dem Selbstständigen also möglich und zumutbar, dass er einen Raum als Arbeitszimmer einrichtet, in dem alle betrieblichen Schreibtischtätigkeiten erledigt werden können, kann er kein häusliches Arbeitszimmer steuerlich geltend machen.