Samstag, 24. August 2019

Werbungskosten

Aufwendung für Fortbildung in Physiognomik sind keine Werbungskosten

Augen Nahaufnahme

Können diese Augen lügen? Physiognomiker glauben, dass sie häufige Lügner am Äußeren erkennen.

Artikel erstellt von:  Andreas Reichert
Datum: 14.07.2013

Physiognomik ist die zweifelhafte Kunst, von dem Äußeren eines Menschen auf dessen Charakter zu schließen. Sollte man Fortbildungkosten in einer solchen Pseudowissenschaft steuerlich geltend machen können? Im Grunde ist das möglich. Es sind aber Hürden zu überwinden.

Physiognomik ist eine sehr alte Pseudowissenschaft, bei der die Charakterzüge eines Menschen aus dem Äußeren gelesen werden sollen. So soll schon Aristoteles gesagt haben, dass kleine Ohren bei Menschen verbreitet seien, die von Natür aus träge und süchtig nach Diebstahl sind. Die Nationalsozialisten griffen die Physiognomik auf und untermauerten damit ihre Rassentheorien. Heutzutage findet man Ableger dieser Kunst vor allem im Bereich der Astrologie, z.B. beim Handlesen.  

Es erklärt sich von selbst, dass eine solche Wissenschaft im unternehmerischen Umfeld, insbesondere in den Personalabteilungen nichts zu suchen haben sollte. Trotzdem scheint es immer noch solche Anwendungsfälle zu geben. Als Steuerrechtler stellt man sich aber natürlich die Frage, ob Kosten für solch zweifelhafte Fortbildungsmaßnahmen als Werbungskosten abziehbar sind.

Hierzu hatte das Finanzgericht Neustadt ein aktuelles Urteil gefällt (Aktenzeichen 5 K 1261/12). In diesem Fall bildete sich ein Bankbetriebswirt zum systemischen Coach im Rahmen der Psycho-Physiognomik fort. Sein Antrag auf Abzug der Aufwendungen als Werbungskosten wurde ihm vom Finanzamt verwehrt. Das Finanzgericht entschied pro Finanzamt, dass die Aufwendungen für diese Fortbildung nicht als Werbungskosten abgezogen werden können.

Interessant ist allerdings die Begründung: So wurde der Abzug der Kosten nicht etwa aufgrund ihrer Unzulässigkeit im Bereich von Personalentscheidungen versagt. Auch spielte es keine Rolle, dass das Gelernte pseudowissenschaftlich sei und somit ohne positiven Effekt auf das Arbeitsergebnis bleiben würde. Das Finanzgericht liess den Abzug nur deswegen nicht zu, weil der Bankberater eine private Mitveranlassung nicht widerlegen konnte. Denn Menschenkenntnisse nützen einem auch im Alltag.

Vergleichbar ist dies mit dem Abzug von Aufwendungen für Fremdsprachenkurse. Ein Italienischkurs kann nicht als Werbungskosten abgezogen werden, solange sie nur ein paar italienische Kunden betreuen. Der Zusammenhang zwischen Sprachlehrgang und Beruf muss eindeutig hergestellt werden. Solange kein längerer beruflicher Aufenthalt in diesem Land geplant ist, wird dieser Zusammenhang nur schwer herzustellen sein.

Somit können Aufwendungen für eine Fortbildung in einer Pseudowissenschaft grundsätzlich steuerlich geltend gemacht werden. Voraussetzung ist aber, dass keine private Mitveranlassung gegeben ist. Diese private Mitveranlassung wird aber bei esoterischen bzw. astrologischen Themen ähnlich wie beim Italienischkurs nur in Ausnahmefällen zu verneinen sein. Weitere Informationen zur Physiognomik finden Sie auf Wikipedia und speziell zur Patho-Physiognomik hier.